Wissen, was man will

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Vor 35 Jahren startete die Graf Recke Stiftung mit ihrem ersten Angebot für Menschen mit psychischer Erkrankung. Hans-Georg Hosterbach war als Bewohner in Alt-Düsseltal von Anfang an dabei. Fast so lange kennen die Mitarbeiter Michael Jankau und Andreas in der Au den heute 64-Jährigen, waren mit ihm in den 1990er-Jahren auf großer Tour. Vieles hat sich verändert seitdem, ist größer und professioneller geworden. Über das heutige Konzept, das die persönlichen Ressourcen aktivieren und so gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen soll, gehen die Meinungen allerdings auseinander.

Psychische Erkrankungen und Krisen können jeden treffen. Und weil das so ist, hat sich die Graf Recke Stiftung 1987 entschieden, ihr Angebot um den Aufgabenbereich Sozialpsychiatrie zu erweitern. Im Sozialpsychiatrischen Verbund finden seitdem Menschen mit psychischer Erkrankung Beratung, Begleitung und psychosoziale Hilfen. Für Hans-Georg Hosterbach war das ein Glück, er ist von Anfang an dabei, fand vor 35 Jahren hier ein neues Zuhause. Fast genauso lange sind Michael Jankau und Andreas in der Au mit im Boot, als Mitarbeiter. Die drei kennen sich gut und erinnern sich gerne, auch an die Anfänge. Und an ein ganz besonderes Gefährt. Als im Februar 1987 das Wohnheim Alt-Düsseltal eröffnete, gehörte Hans-Georg Hosterbach zu den ersten Bewohnern. »Wir waren am Anfang 20 Leute, die meisten kamen direkt aus der Klinik«, berichtet er. Das ging auch ihm selbst so; paranoide Schizophrenie lautete seine Diagnose. »Ich war damals verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte«, erinnert sich der 64-Jährige. Das neue Angebot habe er daher sofort angenommen, auch wenn es anfänglich noch Doppelzimmer gegeben habe. »Besser so als auf der Straße«, habe er sich gedacht. »Ich war sofort begeistert.« Das hatte zum einen mit der Gemeinschaft zu anderen Menschen mit psychischer Erkrankung zu tun, zum anderen an der Begleitung durch Fachkräfte.

Ein bisschen Abenteuer

Michael Jankau war einer der Ersten, der sich damals der Klientinnen und Klienten annahm. Was beiden gleichermaßen in Erinnerung blieb, das war das Wohnmobil, das der damalige Einrichtungsleiter Anfang der 1990er-Jahre für den Wohnbereich angeschafft hatte. 1991 seien sie damit gemeinsam mit vier weiteren Klienten recht spontan nach Paris gefahren. »Ich hatte gerade erst angefangen«, erinnert sich Michael Jankau, Diplom-Sportlehrer mit polnischen Wurzeln und Zusatzausbildung im Bereich Sozialpsychiatrie. Ferienfreizeiten habe es zu dieser Zeit schon gegeben, erklärt der heute 62-Jährige. »Das Wohnmobil sollte uns aber wohl mehr Freiheit und Flexibilität ermöglichen. Das war ein bisschen ein Abenteuer.«

Das hat auch Hans-Georg Hosterbach so empfunden. Er sei normalerweise nicht gerade abenteuerlustig, räumt er mit einem Lachen ein. So aber sei man am zweiten Tag gleich nach Versailles weitergefahren. »Ich selber hätte das alleine nie erlebt«, ist er sich sicher. Mainz und Aschaffenburg, wohin eine spätere Reise ging, wohl schon eher. Mit auf der Fahrt war damals dann allerdings Andreas in der Au. »Ach ja, das Wohnmobil«, sagt dieser und schmunzelt. Die Idee sei grundsätzlich eine schöne gewesen. Für Menschen mit psychischer Erkrankung aber habe sich das Leben im Bulli dann doch als zu eng erwiesen.

Teil der Enthospitalisierung

Andreas in der Au ist seit 1990 bei der Stiftung und hat die Entwicklung des Geschäftsbereichs ebenfalls über gut 30 Jahre begleitet. Vieles habe sich seitdem verändert, sei größer, professioneller geworden, sagt er. So kam etwa 1993 das Haus an der Düssel hinzu, zwei Jahre später das in der Wilhelm- Tell-Straße in Unterbilk. Der 59-Jährige war der Erste, der die dreijährige Weiterbildung für die Sozialpsychiatrie berufsbegleitend durchlaufen hat. Der examinierte Krankenpfleger hatte seinen Zivildienst in einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung gemacht, was ihn begeistert hat. Die Bewerbung auf eine Stellenausschreibung der Graf Recke Stiftung war für ihn daher ein logischer Schritt. Mit einer Kollegin habe er eine der Wohngruppen in Alt-Düsselthal geleitet, erzählt er. »Aber das war alles noch in den Kinderschuhen.« Man sei Teil der sogenannten Enthospitalisierung gewesen, psychisch Erkrankte hätten bis dahin doch meist in einer Klinik gelebt, zuweilen über Jahrzehnte. Während die pädagogischen Fachkräfte noch alles selbst gemacht haben, ohne Unterstützung etwa durch hauswirtschaftliche Kräfte, seien die Bewohnerinnen und Bewohner rundum versorgt worden. »Die Wurstplatten abends kamen zum Beispiel aus der Großküche auf dem Gelände«, berichtet Andreas in der Au. Auch die Medikamente habe man den Klienten noch gestellt. Erst nach und nach habe man sie über die Jahre an solche Aufgaben herangeführt, auch ans Selberkochen etwa, überhaupt an Selbstständigkeit und Teilhabe.

Heute ist dies das Grundkonzept in der Sozialpsychiatrie: Nicht nur in Ergo- und Arbeitstherapie wird auf Fähigkeiten und Stärken der psychisch erkrankten Menschen gesetzt, ob sie nun an Psychosen oder an Depressionen leiden, wie Michael Jankau betont. Auch im Alltag sollen vorhandene Ressourcen aktiviert werden. »Aus Bewohnern wurden Klienten«, sagt er. »Früher haben wir uns als Mitarbeiter Gedanken gemacht, wie wir helfen und unterstützen können. « Heute sollen die Betroffenen selber formulieren, was sie wollen.

Sich ausprobiert

»Dazu müsste ich erst einmal wissen, was ich will«, sagt Hans-Georg Hosterbach und lacht etwas gequält. Klar, sagt er dann, eigentlich sei das gut. Auch er, der nun seit rund 20 Jahren in einer betreuten WG im Stadtzentrum lebt, hat sich früher ausprobiert. Er arbeitete in der Stiftungsschreinerei, die es von Anfang an gab, später in der Gärtnerei. Seit 2001 aber ist der 64-Jährige raus aus der Arbeitstherapie, besucht lediglich die Tagesstätte an der Grafenberger Allee in Düsseldorf und übernimmt dort kleinere Aufgaben. Zudem hat er mit einer Ergotherapie angefangen. Ihm reiche das, sagt er. Wenn er heute, nach so vielen Jahren, in die Selbstständigkeit gedrängt werde, hätte er ein Problem.

Michael Jankau ist grundsätzlich überzeugt vom neuen Weg, und doch sei dieser nicht für jeden der richtige. »Ich habe eine Gruppe mit vier Bewohnern, alle über 60. Die wollen, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist. Da will ich nichts erzwingen«, sagt der Mitarbeiter im Gruppendienst. Die jüngere Generation sei anders, diese wolle häufig etwas erreichen, eine Perspektive, was ebenfalls eine Herausforderung sei. »Ausprobieren ist das Prinzip, das scheitern kann«, macht er klar. Dadurch könne Stress entstehen. Die wenigsten, sagt er, »werden den Sprung ganz nach draußen schaffen, das muss man anerkennen«.

Die Nacht ist einsamer

Für seinen Kollegen Andreas in der Au ist dieser Spagat nicht mehr so das Thema: Vor gut 20 Jahren ist er vom Tag- in den Nachtdienst gewechselt. Zwischen 20.30 und 6.30 Uhr ist er im Wechsel mit drei Kolleginnen und Kollegen damit verantwortlich für alle rund 80 Heimbewohnerinnen und -bewohner auf dem Gelände an der Grafenberger Allee, hinzu kommt die Bereitschaft fürs betreute Wohnen. »Ein großer Anteil ist Krisenintervention«, sagt er. Dazu gehöre die akute psychologische Begleitung, wenn sich jemand bedroht fühle, Stimmen höre oder einfach Redebedarf habe. Er steht aber auch bei körperlichen Symptomen bereit, insbesondere bei den Älteren mit diversen somatischen Erkrankungen. Das Mobiltelefon habe diese Aufgabe deutlich erleichtert. »Am Abend werden alle Hausnummern auf mein Handy gestellt«, erklärt er.

Andreas in der Au hat sich bewusst für diese Form der Arbeit entschieden, auch wenn diese in der Nacht einsamer sei. »Ich muss vieles alleine entscheiden, kann mich nicht mit Kollegen austauschen«, sagt er. Nur in Notfällen wecke er einen Bereitschaftskollegen, im Zweifel stehe auch ein Notfallbettzimmer zur Verfügung. »Und es passieren durchaus heftige Sachen«, macht er deutlich. »Aber auch viel Schönes.« Wenn er zum Beispiel in eine Wohngruppe komme und die Leute sagen: »Schön, dass Sie da sind. Dann fühlen wir uns sicher und gut aufgehoben!«

Es sind Erlebnisse wie diese, die den 59-Jährigen noch lange nicht ans Aufhören denken lassen. »Ich will nicht in Rente, auch nicht mit 67«, sagt er und lacht. Ihm mache die Arbeit so viel Spaß. Die in der Regel 13 Nächte im Monat seien für ihn, der durch Kraftsport für seine Fitness und einen Ausgleich sorgt, gut zu schaffen, dafür habe er auch zwischendurch drei bis vier Tage frei. Und so hat er sein Tätigkeitsfeld sogar noch erweitert: Andreas in der Au gehört seit August 2021 zusätzlich zum Ombudsteam der Graf Recke Stiftung, wo er anderen Mitarbeitenden Hilfestellung gibt bei Problemen oder Konflikten in ihrem Team.

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Heute begleitet die Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik insgesamt rund 500 Leistungsberechtigte, davon rund 370 im Sozialpsychiatrischen Verbund. Die Begleitung erfolgt in individuellen Wohn- und Betreuungsformen in Düsseldorf, Ratingen und Kaarst, in Arbeits- und Ergotherapie in Düsseldorf und Kaarst sowie im Sozialpsychiatrischen Zentrum, der Tagesstätte, dem Café Geistesblitz und der Praxis für Ergotherapie in Düsseldorf.

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Michael Jankau will ebenfalls noch einige Sachen ausprobieren, bevor er in Rente geht, wie er mit einem Lachen anmerkt. Er schaut zu Hans-Georg Hosterbach, den er so lange kennt und mit dem er »schon so manchen Kampf« ausgefochten hat. Der Klient, der sich mit langem Rauschebart und nachlässiger Kleidung über Jahre eine Aura der Unnahbarkeit aufgebaut hatte, verändert sich gerade. Auch ein wenig auf Drängen seines »Assistenten soziale Teilhabe«, wie Jankaus Berufsbild jetzt genannt wird. Hans-Georg Hosterbach trägt zum modischen Kapuzenpulli nun Dreitagebart und hat die Haare ordentlich gescheitelt. Als Nächstes sollen die Zähne gerichtet werden. »Weil er auch Angst davor hatte, nach draußen zu gehen, dass andere ihn nicht akzeptieren könnten«, erklärt Michael Jankau.

Kein Gefühl verpasster Chancen

Hans-Georg Hosterbach schaut skeptisch: »Ich habe schon das Gefühl, dass andere jetzt anders auf mich zugehen«, räumt der 64-Jährige dann ein. Allzu viel will er an seinem Leben dennoch nicht ändern. Er will rauchen und möglichst seine Ruhe haben, fühle sich in einem geschützten Raum wohler, sagt er. Michael Jankau hat dafür durchaus Verständnis. Es sei kein Drama, ein Leben mit der Stiftung zu führen. »Aber wer weiß, was möglich gewesen wäre«, sagt er – und erntet Widerspruch: »Ich habe trotzdem ein gutes Leben geführt durch die Graf Recke Stiftung. Ich hatte nie das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben«, entgegnet Hans-Georg Hosterbach. »Das fängt jetzt erst an, wenn plötzlich alle drüber reden.«

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