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Wenn Kindern in der eigenen Familie Gefahr droht, müssen sie von den Eltern getrennt werden – so war das bislang. Ein Projekt im Burgviertel in Düsseldorf- Garath verfolgt nun eine andere Strategie: Hier werden die Eltern mit einziehen. Gemeinsam mit Profis wie Sozialpädagogin Yvonne Verhoeven sollen so Lösungen gefunden werden, die ein selbstständiges Zusammenleben künftig wieder möglich machen. Die neuartige Herangehensweise der Graf Recke Stiftung hat viele Vorteile – und soll familiäre Dramen verhindern.

Inobhutnahme ist ein trügerischer Begriff. Er beschreibt die Herausnahme eines Kindes durch das Jugendamt aus seiner Familie, wenn es dort einer Gefahr ausgesetzt ist. Obhut, das klingt nach Schutz und Sicherheit, was zweifellos auch angestrebt wird. Und doch ist ein solch drastischer Schritt immer auch ein familiäres Drama. Mit einem neuartigen Angebot im Burgviertel in Düsseldorf- Garath will die Graf Recke Stiftung dem künftig entgegenwirken. Statt auf Trennung setzt das Projekt auf Teamwork. »Kinder leiden so sehr, wenn sie aus ihrer Familie genommen werden, selbst wenn die Umstände noch so schwierig sind«, weiß Yvonne Verhoeven. Und weil das so ist, findet die Diplom-Sozialpädagogin die Idee für Garath auch »so großartig«: Statt die Kinder von ihren Eltern zu trennen, werden diese in die Wohngruppe mit einziehen dürfen. Gemeinsam suche man dann nach Lösungen, die ein selbstständiges Zusammenleben wieder möglich machen. Die 44-Jährige hat dieses Konzept überzeugt – und so wird sie bei dessen Umsetzung ab dem Frühjahr 2021 gerne mit Verantwortung übernehmen.

Derzeit arbeitet Yvonne Verhoeven, die seit Juni 2017 in der Stiftung tätig ist, als Teamleiterin in der Einzelfallbetreuung. Mehrere Fachkräfte kümmern sich in Hilden um eine einzige Klientin mit schwerer psychischer Erkrankung. Aufgrund des Störungsbildes sei es allerdings bei aller Anstrengung nicht möglich, die junge Frau auf ein Leben in Eigenständigkeit vorzubereiten, sagt sie. Das neue Projekt im Burgviertel hingegen könnte sogar ganzen Familien genau das perspektivisch wieder ermöglichen: ein gemeinsames, selbstständiges Leben. »Für mich«, sagt sie, »hat ein solches Angebot in der Stiftung bislang gefehlt.«

Video: Yvonne Verhoeven im Burgviertel

Außergewöhnliches Angebot

Nach Einschätzung von Andreas Quabeck, Leiter der Sparte Erziehung bei der Graf Recke Erziehung & Bildung, ist das Angebot in dieser Form wohl in der Tat außergewöhnlich – und doch so logisch: Das angestrebte Ziel einer solchen Maßnahme sei ja stets, »dass Kinder in ihren Herkunftsfamilien behütet leben können«, sagt er. Und deshalb nehme man künftig nicht, wie in der Jugendhilfe sonst oft üblich, nur die Kinder auf, sondern eben auch die Eltern.

Bis zu sechs Familien aus dem direkten Umfeld, unterteilt in zwei Gruppen, sollen in einem Teil der vor gut 50 Jahren nach Plänen von Gottfried Böhm erbauten Gebäude unterkommen. Für die bisherige Caritas-Senioreneinrichtung am Ort waren die baulichen Voraussetzungen nicht mehr ideal, für das Stiftungsprojekt hingegen sind sie genau richtig. »Die Familien leben dann mit ihren Kindern über einen begrenzten Zeitraum bei uns, um gemeinsam herauszufinden, wo die Probleme liegen und wo Unterstützungsbedarfe sind«, so Quabeck.

Die beeindruckende bauliche Umgebung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um eine ernste Sache geht: Man habe, das macht der Fachbereichsleiter deutlich, »in einer der zwei geplanten Familiengruppen einen klaren Schutzauftrag«. Die Kinder vor Gewalt, Missbrauch oder Verwahrlosung zu bewahren, sei oberstes Gebot.

Stressfaktoren rausnehmen

Nur in einer Wohngruppe bleibt die Erziehungsverantwortung daher bei den Eltern, »in der anderen übernehmen wir das«, erklärt Yvonne Verhoeven. Letztlich aber gehe es immer auch darum, »ob es die Eltern künftig leisten können, mit gewissen weiteren Hilfeformen, mit den Kindern weiter zusammenzuleben«, sagt Andreas Quabeck. In einer ergänzenden Tagesgruppe könne dies beispielsweise in einer späteren Phase gemeinsam eingeübt und könne das Erlernte vertieft werden. »Damit sie im Anschluss nicht ins Nichts fallen«, wie Yvonne Verhoeven ergänzt.

Für die Sozialpädagogin passt das Gesamtkonzept gut zur aktuellen Entwicklung der Stiftung, in der das Thema Resilienz immer mehr in den Fokus rücke. »Familiäre Bindungen sind ein entscheidender Schutzfaktor, um für schwierige Lebensumstände gewappnet zu sein«, erläutert sie. »Zu wissen, dass man nicht untergeht, weil man vieles hat, was einen da durchträgt.« In Garath wolle man den Familien dieses Gefühl wieder vermitteln, mithilfe familienberatender wie pädagogischer Fachkräfte gleichermaßen. Noch ist der Fachbereich auf der Suche nach Verstärkung für das rund 40-köpfige Team. »Aber wenn die Leute von unserem Ansatz überzeugt sind, dann wird das richtig gut«, freut sie sich.

Klar, man habe stets nur wenige Monate Zeit. »Da muss schnell gearbeitet werden. Wir müssen alle richtig Vollgas geben«, sagt Yvonne Verhoeven. Man werde mit Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern genauso konfrontiert werden wie mit mangelnder Erziehungskompetenz bei den Eltern. »Wir müssen vor allem Stressfaktoren rausnehmen«, glaubt sie. Zuweilen könne es schon helfen, morgens aus dem Bett zu kommen. Die Eltern müssten erfahren, »wie entspannt der Tag sein kann, wenn man vor den Kindern aufsteht«.

Sozialbezüge erhalten

Da die Familien aus der direkten Umgebung kommen werden, bleiben zudem ihre sozialen Bezüge erhalten, auch die Kinder können weiter ihre angestammte Kita oder Schule besuchen. Das unterstützende Netzwerk ist dabei ein wichtiger Aspekt: Dazu zählen der Freundes- und Bekanntenkreis genauso wie etwa die örtlichen Vereine oder auch die Kirchengemeinde. Zu weiteren Angeboten im Sozialraum, von Tagesmüttern bis zur Schuldnerberatung, sollen darüber hinaus Kontakte geknüpft werden. Die bereits vorhandenen Ressourcen der Familien zu stärken, darum geht es vor allem.

Damit verbunden ist der Gedanke eines ausdrücklichen Stadtteilangebots für Garath durch die Graf Recke Stiftung. Dazu gehören laut Spartenleiter Andreas Quabeck ein für erwachsene Menschen mit Behinderung ebenso wie etwa die ambulanten Hilfen für Familien im Quartier. Deren Beratungsstelle sowie die Therapieräume werden ebenfalls im Gebäudekomplex unterkommen. Eine Fachkraft wird eigens für die Quartiersarbeit zuständig sein, ob durch Elternberatung oder diverse Bildungsangebote für das gesamte Viertel.

Im Mittelpunkt allerdings stehen die Familien, die ohne Trennung aus der Krise kommen sollen. »Aber die müssen das auch wollen«, macht Yvonne Verhoeven klar. Sie müssten unter anderem bereit sein, ihr eigenes Zuhause für einige Monate zu verlassen. Doch sie sollen zugleich erkennen, dass sich das lohnt. »Sie sollen durch unsere Unterstützung die Chance bekommen, mit ihren Kindern zu leben«, sagt sie. Denn von einem ist die 44-Jährige, selbst Mutter von drei Töchtern zwischen zehn und 17 Jahren, zutiefst überzeugt: »Wir dürfen diese Familien nicht aufgeben.«

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