»Und so sind wir über uns hinausgewachsen«

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Wie schnell Corona sich verbreiten kann, haben Yvonne Kraus und Petra Steinmann im Wohnbereich 5 des Walter-Kobold-Hauses erleben müssen. Monatelang war man dort praktisch coronafrei, dann schlug das Virus gnadenlos zu – allen Schutzmaßnahmen zum Trotz. Doch bei aller Belastung gab es auch Mutmach-Momente, die den Menschen über die Zeit halfen.

Dreimal die Woche wurde im Walter-Kobold-Haus in Düsseldorf-Wittlaer getestet, stets ohne Auffälligkeiten, erzählt Wohnbereichsleiterin Yvonne Kraus, als an einem Sonntag Ende Januar eine Kollegin plötzlich über Halsschmerzen klagte. Dann die Bestätigung: Ihr Test war positiv. Wie das Virus in den Wohnbereich eingedrungen war, ließ sich nicht ermitteln: Ein Kollege und vier Bewohner wurden noch am selben Tag ebenfalls positiv getestet. Bis zum darauffolgenden Mittwoch waren bereits 21 Bewohner und zwei weitere Pflegekräfte betroffen.

Letztendlich waren bis auf vier alle der insgesamt 28 Bewohnerinnen und Bewohner infiziert, dazu rund die Hälfte des Pflegeteams. Mit weitreichenden Folgen: »Ich musste damals ziemlich viel gleichzeitig erledigen«, erinnert sich Wohnbereichsleiterin Yvonne Kraus, die selbst vom Virus verschont blieb. Der Wohnbereich wurde auf Anweisung des Gesundheitsamtes zur Quarantänestation, alle nicht Infizierten wurden isoliert. Mit deutlich dezimiertem Team und zwei zusätzlichen Zeitarbeitskräften arbeiteten die Pflegenden in der Folgezeit am Anschlag, und das den ganzen Tag mit Schutzanzug, Brille und Maske. Und das sollte sich so schnell nicht ändern.

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Ich habe das Gefühl, dass die Quarantänezeit noch nachwirkt«, berichtet Petra Steinmann, Yvonne Kraus’ Kollegin auf dem Wohnbereich. Insbesondere, da vier Kolleginnen und Kollegen einen schweren Krankheitsverlauf hatten, daher zum Teil monatelang ausfielen. Die Belastung war enorm, auch die Sorge um die Kolleginnen und Kollegen war groß, sagt die 58-Jährige. Wie schon bei den Reihentests im Mai 2020 zeigten auch die später eingeführten Schnelltests, dass immer wieder Menschen ohne Symptome positiv waren. »Das war für mich erschreckend«, gesteht die erfahrene Pflegerin. »Wir haben jeden Tag vor unserem Testergebnis gezittert.«

Gebangt haben sie ebenso um die Bewohner, von denen drei in die Klinik eingewiesen werden mussten. »Zwei sind zu uns zurückgekommen, eine Bewohnerin leider nicht«, sagt Yvonne Kraus. Eine 102-jährige Bewohnerin habe ihre Infektion hingegen fast symptomlos überstanden. Insgesamt seien drei Bewohner in der Quarantänezeit verstorben, die zuvor positiv getestet worden waren. Sie alle hatten mehrere Vorerkrankungen.

Abschied nehmen, das gehöre in ihrem Beruf dazu, betont Petra Steinmann. Sie wusste das, als sie einst von der Kranken- in die Altenpflege gewechselt ist. Doch ihr war wichtig, dass sie zu den Bewohnern hier eine Beziehung aufbauen kann, anders als im Krankenhaus. Yvonne Kraus ging das genauso. Man müsse sich aber klarmachen, dass dies wohl die letzte Station im Leben eines Menschen sei. »Und meistens geht das ja nicht von jetzt auf gleich«, ergänzt Petra Steinmann. »Dann kann man sich mit dem Gedanken vertraut machen.«

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Weit mehr als ein Jahr arbeiten Pflegekräfte mittlerweile unter Coronabedingungen. Die anstrengenden Monate wirken nach. Dass sich Mitarbeitende der Graf Recke Stiftung dennoch immer wieder für diesen herausfordernden Beruf entscheiden würden, hat viel mit positiven Erfahrungen in den schweren Tagen der Pandemie zu tun. Yvonne Kraus, Petra Steinman und andere Mitarbeitende erzählen davon in der recke:in 2/2021, die Mitte Juni erschienen ist.

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An der Belastungsgrenze

Viel schwieriger war für die Pflege-Fachkraft, die alten Menschen während der Erkrankung zu erleben. »Sie lagen erschöpft in ihren Betten und wir kamen mit diesem Vollschutz. Das macht was mit den Menschen «, glaubt sie. Doch auch sie selbst bewegte sich an ihrer Belastungsgrenze – und teilweise darüber. »Arbeiten, erholen von der Arbeit, vorbereiten auf die Arbeit«, so habe ihr Leben lange Zeit ausgesehen. Hinzu kam die selbst gewählte Isolation im Privaten. Andererseits: »Es wollte ja auch keiner mehr was mit uns zu tun haben«, sagt sie mit einem gequälten Lächeln.

Man habe versucht, das alles mit Fassung zu tragen. »Aber wir haben auch mal ein Ströphchen geheult«, bekennt Yvonne Kraus. »Ich war am Limit.« Und doch ging es weiter. Irgendwie. Dass es den allermeisten Bewohnerinnen und Bewohnern inzwischen wieder besser geht, »das gibt jetzt positive Energie«, sagt die 43-Jährige. Auch der Zuspruch von außen habe gutgetan. Von Angehörigen gab es Blumen, von den Kolleginnen und Kollegen aus dem Haus Königshof kamen Mutmach-Ballons, aus dem Quartierhaus Am Röttchen ein Präsentkorb »und eine liebe Karte«. In diesem Sinne habe man sich immer unterstützt gefühlt, auch von allen Verantwortlichen im Haus, sagt Yvonne Kraus. »Und so sind wir über uns hinausgewachsen.«

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