Tänzerin mit Hang zum Kümmern

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In ihrer Jugend war Mathilde Heise begeisterte Tänzerin, Foxtrott und Swing waren ihre Leidenschaft. Inzwischen hört sie lieber Schlager, doch auch sonst hat sich viel geändert: Jahrzehntelang hatte sich die Hildenerin um andere gekümmert, nun braucht die 96-Jährige selbst Unterstützung. Aufgrund ihrer Demenz wohnt sie seit Mai 2022 im Haus Ahorn. Ihre Enkelin Stephanie Heise sieht sie dort gut aufgehoben, »auch wenn Oma das alles gar nicht versteht«.

»Ich bin 90 Jahre alt«, sagt Mathilde Heise gleich zu Beginn des Gesprächs, sie danke Gott jeden Abend beim Zubettgehen dafür. »Oma«, präzisiert ihre Enkelin Stephanie Heise daraufhin vorsichtig, »du bist schon 96.« – Ihre Großmutter guckt überrascht. »Wirklich? Ich kann gar nicht glauben, dass ich dieses Alter habe«, sagt sie dann. Sie fühle sich wohl, sei gesund. Körperlich gehe es ihr so, »wie es immer war.« Doch Mathilde Heise lebt nicht ohne Grund seit einigen Monaten im Haus Ahorn der Graf Recke Stiftung in Hilden. Sie kann nicht nur nicht glauben, dass sie 96 Jahre alt ist. Sie hat es schlicht vergessen, aufgrund ihrer Demenz.

An viele Dinge aus ihrem früheren Leben kann sich die Seniorin hingegen gut erinnern. Wie sie damals mit ihrer Familie aus Westpreußen geflohen war zum Beispiel, und wie sie zunächst in Brandenburg gelebt hat. Dort hat Mathilde Heise auch ihren späteren Mann kennengelernt. »Da habe ich Glück gehabt, er war ein feiner Mensch«, sagt sie und lächelt. Es war zunächst eine schöne Zeit, unbeschwert, »keinen Tanz habe ich ausgelassen«, gesteht sie lachend. Foxtrott und Swing, das seien ihre Tänze gewesen damals. »Nur Polka nicht, das konnte ich nie leiden«, sagt sie mit einer abweisenden Handbewegung.

Doch die Zeiten in der DDR wurden schwieriger, vor allem politisch. Die zehn Jahre ältere Schwester von Mathilde Heise hatte zu der Zeit bereits in Hilden gelebt – und ihre Verwandten 1955 daher kurzerhand zu sich in den Westen geholt. Mathilde Heise fand Arbeit in der Warenausgabe der Hildener Konservenfabrik Hesco, ihr Mann hat bei Phoenix-Rheinrohr Maschinen bedient. So erzählt es die 96-Jährige, die 1976 geborene Enkelin kann sich daran freilich nicht erinnern. Allerdings sehr gut daran, dass die ganze Familie im Hildener Süden über Jahrzehnte unter einem Dach gelebt hat, ihre Großeltern, ihre Eltern, später sie und ihre kleine Schwester. »Das Haus wurde immer weiter ausgebaut.«

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Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner der gerontopsychiatrischen Facheinrichtung Haus Ahorn hätten längst umgezogen sein sollen, doch die Pandemie und der Ukrainekrieg haben die Wiederaufbaumaßnahmen im Ahorn-Karree weiter verzögert. Ein Wasserschaden hatte das Leuchtturmprojekt 2020 kurz vor dem ursprünglichen Einzugstermin zurückgeworfen. Die neue recke:in 3/2020 berichtet von den Menschen, die sich nun noch weiter gedulden müssen: den Seniorinnen und Senioren mit schwerer Demenz, ihren Angehörigen, und von den Mitarbeitenden, die sich fachlich auf das neue Konzept des Leuchtturmprojekts vorbereiten. 

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Mathilde Heise war über all die Jahre ein wichtiges Bindeglied für die Familie. Sie hat sich bis zu dessen Tod 1993 etwa jahrelang um ihren Mann gekümmert, als dieser an Parkinson erkrankt war. Zu den Enkeln war die Beziehung ebenfalls »sehr eng«, wie Stephanie Heise erzählt: »Oma war immer herzlich, wir sind immer sehr umsorgt worden.« Das galt auch für die Freundinnen, die gerne bei Mathilde Heise zum Kaffeekränzchen vorbeikamen. »Gute Nachbarschaft ist wichtig, ich hatte immer einen großen Bekanntenkreis«, sagt die Seniorin, was ihre Enkeltochter bestätigen kann. »Die Bude war immer voll«, meint diese und lacht.

Und so ist der Familie lange Zeit nicht aufgefallen, dass mit ihrem mittlerweile ältesten Mitglied etwas nicht stimmen könnte. »Sie war körperlich ja immer so fit«, sagt Stephanie Heise. »Oma war immer die Macherin, sie ist auch viel gereist, bevor Opa so krank wurde.« Erst als ihr Vater nach einem Schlaganfall vor gut drei Jahren das gemeinsame Haus verlassen und ins Pflegeheim ziehen musste, gab es erste Anzeichen für eine demenzielle Veränderung. »Sie hat das nicht akzeptiert«, sagt die Enkelin. »Der ist zur Kur, der kommt bald wieder«, habe ihre Großmutter immer behauptet. Ansonsten sei sie noch gut zurechtgekommen, habe eingekauft und den Haushalt gemacht.

Sie war nicht mehr dieselbe

Eine schwere Erkrankung aber, die hatte Mathilde Heise lange Zeit nicht wahrgenommen – oder nicht wahrhaben wollen. Erst als es im März dieses Jahres fast zu spät war, hatte sie ihren Arzt über ihr Leiden informiert. Die alte Dame kam auf schnellstem Weg ins Krankenhaus, wurde operiert – und war fortan nicht mehr dieselbe. »Sie konnte sich nicht mehr orientieren und ist weggelaufen«, berichtet Stephanie Heise. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Pflegeheim, wo sie gar über den Balkon geklettert ist, war klar, dass sie und ihre Schwester für die Großmutter einen Platz in einer geschlossenen Einrichtung finden müssen. Im Mai zog Mathilde Heise im Haus Ahorn ein.

»Mir tut das so leid, die ganzen Ortswechsel hätten wir ihr gerne erspart«, sagt die 45-Jährige und schaut zu ihrer Oma hinüber. »Aber wir denken, dass sie hier gut aufgehoben ist.« Sie sei beispielsweise auf einem Waldspaziergang gewesen und in der Stadt zum Eisessen. Auch eine Freundin habe sie im Haus Ahorn gefunden, man treffe die beiden immer im Doppelpack im Garten an. Sie selbst sei zudem beruhigter, »ich wusste ja nie, was passiert«, betont Stephanie Heise. »Auch wenn meine Oma das alles gar nicht versteht.« Sie habe keine Langeweile, meint die 96-Jährige, fast wie zum Beweis. Es gebe ja so viel zu tun, »die Wäsche, der Garten«. Ihre Enkelin nickt. »Ja, Oma«, sagt sie dann verständnisvoll.

Sie habe erst lernen müssen, die Lebenswelt ihrer Großmutter, die meist in der Vergangenheit liegt, anzunehmen, auch wenn es manchmal schwerfalle, bekennt Stephanie Heise. Sie habe gemerkt, dass es ihre Oma verletzt, wenn man sie korrigiert. Deshalb lässt sie es meist sein, vom korrekten Alter vielleicht einmal abgesehen. »Man geht dann auch zufriedener hier raus, weil sie zufriedener ist.« Die bange Frage nach dem Opa, der ja jetzt alleine sei, beantworte sie inzwischen mit: »Mach dir keine Gedanken, der ist bei uns.«

Von Swing zum Schlager gewechselt

Dass ihre Großmutter vom Swing längst zum Schlager gewechselt ist, ist für die Enkelin schon um einiges leichter zu akzeptieren. »Tanze mit mir in den Morgen«, stimmt Mathilde Heise unvermittelt den Klassiker von Gerhard Wendland an und lacht dabei. Ansonsten höre sie im Haus Ahorn gerne die Flippers und Roy Black. »Das war mein Liebling«, gesteht sie. Und abends schaue sie dann immer die Nachrichten, sagt die 96-Jährige mit Überzeugung. Ihre Enkelin sitzt schweigend daneben, lächelt freundlich und schüttelt fast unmerklich den Kopf.

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