Sehen, was gut läuft

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Im Betreuungsnetzwerk Mutter/Vater-Kind werden junge Menschen in Schwierigkeiten auf ihrem Weg in die Elternrolle begleitet und gestärkt. Zum Einsatz kommt dabei unter anderem Marte Meo. Das Besondere: Video-Aufzeichnungen dienen dazu, Alltagssituationen festzuhalten und vor allem das Gelungene zu erkennen. Nun wurde die Wohngruppe als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland offiziell in der etwas anderen Beratungsmethode zertifiziert.

Seit März 2023 wohnt Celina mit ihren beiden Kleinkindern in der Wohngruppe des Betreuungsnetzwerkes Mutter/Vater-Kind der Graf Recke Stiftung in Hilden. Das hat seinen Grund: Sie war oft unsicher, war überfordert. „Ich habe dann Angst, nicht gut genug zu sein für meine Kinder“, sagt die 21-Jährige. Doch diese Momente werden weniger, vieles läuft besser, als sie es bislang wahrgenommen hat. Dass die junge Mutter dies zunehmend auch selbst so sehen kann, hat viel mit der Unterstützung durch die pädagogischen Fachkräfte in der Wohngruppe zu tun. „Und ganz, ganz viel mit Marte Meo“, sagt Celina.

Marte Meo – so heißt eine von der Niederländerin Maria Aarts entwickelte Methode, bei der Video-Aufzeichnungen zur Verhaltensbeobachtung und Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere im Umgang mit Kindern, genutzt werden. Im Betreuungsnetzwerk, in dem aktuell acht Mütter und ein Vater mit ihren Kindern leben, nutzt man das Programm seit 2016. Nach positiven Erfahrungen von Beginn an wurde die Arbeitsweise stetig erweitert und vertieft. Alle aktuell 14 Mitarbeitenden verfügten mindestens über Grundkenntnisse, jeder Neuzugang werde entsprechend geschult, betont Teamleiterin Andrea Prinz. Die Folge: Als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland werde man nun in der Gesamtheit offiziell nach Marte Meo zertifiziert. Sie sehe das „als Erfolg für das ganze Team“.

Dessen Aufgabe ist es laut ihrer Stellvertreterin Ursula Eichner, Mütter, Väter und ihre Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, auch für Schwangere stehe das Angebot offen. Wer zu ihnen komme, habe grundsätzlich Probleme in der aktuellen Situation und müsse „in der Elternrolle gestärkt und gefördert werden“, sagt sie. Das pädagogische Konzept umfasst demnach die Anleitung  junger Eltern bei der Versorgung, Betreuung und Förderung des Nachwuchses genauso wie beim Aufbau oder dem Erhalt der Bindung zum Kind. Auch die Zusammenführung bereits getrennter Familien sei immer wieder ein Thema.

Entwicklung von Routinen

„Wir begleiten und unterstützen im Alltag bei allen anfallenden Tätigkeiten“, berichtet Gruppenpädagogin Sarah Smolka aus der Praxis. Dies könne etwa die Entwicklung einer Morgenroutine sein, wie Aufstehen, Anziehen, Frühstücken, Zähneputzen. Solche Routinen seien wichtig, ergänzt Teamleiterin Prinz, „um eine innere Struktur zu schaffen und dadurch Orientierung“. Celina ist hierfür ein gutes Beispiel. „Mein Lernfeld ist es, diese Struktur einzuhalten“, erzählt die 21-Jährige. „Und sei es nur, vor meinen Kindern aufzustehen.“ Leicht fiel ihr das nicht immer, wie sie einräumt. Hier aber wisse sie, „dass immer jemand da ist, der mit hilft, wenn ich es mal nicht hinbekomme“.

Die Schwierigkeit sei, dass viele der jungen Mütter und Väter es in ihren Herkunftsfamilien selbst nicht gelernt und erfahren hätten, erläutert Dimitra Georgiou. „Die müssen nachgenährt werden“, sagt die Fachaufsicht, selbst in Marte Meo geschult – und führt damit sogleich einen zentralen Begriff der Beratungsmethode ein. Marte Meo verfolge einen ganzheitlichen Ansatz, arbeite ressourcenorientiert. Nicht zufällig  bedeute der Name aus dem lateinischen abgeleitet so viel wie „aus eigener Kraft“, erläutert Sarah Smolka. Man schaue, was der Mensch mitbringe und wo man praktisch ansetzen könne. „Maria Aarts ist durch die Welt gereist und hat Mütter beobachtet“, berichtet Dimitra Georgiou. „Was machen diese, um ihre Kinder auf eine gute und positive Art großzuziehen?“ Viele der Erfahrungen flossen dann in die ab Ende der 1970er-Jahre entwickelte Methode mit ein.

Ich weiß, dass immer jemand da ist, der mit hilft, wenn ich es mal nicht hinbekomme.

Celina, 21-jährige Mutter

Das Besondere: Alltagssituationen werden regelmäßig auf Video aufgezeichnet und anschließend gemeinsam ausgewertet. Man spreche dabei von gelenkten und freien Situationen, erläutert Andrea Prinz. Im einen Fall gebe der Erwachsene vor, was zu tun ist, etwa morgens beim Frühstück oder auf dem Weg zur Schule. „In diesen Situationen folgt das Kind.“ Ebenso bedeutend für die Entwicklung aber seien die freien Situationen, etwa beim Spielen. Hier sei es wichtig, dass der Erwachsene folge, ohne Einzugreifen. „Das sind die Momente der Kreativität, um Entwicklung möglich zu machen“, sagt die Teamleiterin. Wenn der Erwachsene die Situation zusätzlich benenne, etwa den soeben erstellten Turm aus Bauklötzen thematisiere, „merkt man direkt, dass sich das Kind gesehen fühlt“, so die Erfahrung von Sarah Smolka. „Das Kind erfährt durch Sprache Bestätigung.“ Für die Entwicklung seien derlei Erfahrungen essenziell, da sind sich alle am Tisch einig.

Gestärkt aus der Situation

Von Interesse sind demnach Szenen, in denen eine Interaktion zwischen Elternteil und Kind besonders gut gelingt. Diese suche man für die anschließende Videoauswertung gezielt heraus, erklärt Dimitra Georgiou. Sie erinnert sich etwa an die Mutter, die beklagte, dass sie und ihr Kind nie zusammen lachen. „Und dann haben wir einen Moment eingefangen, wo genau das passiert: Das Kind und die Mutter strahlen sich gegenseitig an.“ Allein dadurch gehe die junge Frau gestärkt aus der Situation, erfahre, dass ihr Kind auf sie reagiere, empfinde sich als Mutter bedeutend und wirksam.

Marte Meo mache sich dabei „frei vom ständigen Leistungsgedanken, in welchem Alter ein Kind, was erreicht haben sollte“, sagt Dimitra Georgiou. Gruppenpädagogin Sarah Smolka kann das bestätigen. „Es bringt Leichtigkeit und Entspannung in den Alltag“, meint sie. Marte Meo sei wertschätzend, biete Struktur – „und Struktur bedeutet Sicherheit“. Es sei kein Zufall, dass sie selbst Sprache und Methode in ihren Alltag außerhalb der Wohngruppe teilweise übernommen habe. Ihre Teamleiterin nickt. „Das ist so“, bekräftigt Andrea Prinz, die sich mittlerweile auf dem Weg zur Marte-Meo-Supervisorin befindet, und somit künftig sogar Weiterbildungen durchführen darf. „Es schafft ein Bewusstsein für das eigene Handeln.“   

Nur positive Rückmeldungen

Für alle aus dem Betreuungsnetzwerk Mutter/Vater-Kind ist es daher wenig überraschend, dass aus der Wohngruppe bislang nur positive Rückmeldungen kamen; die Zertifizierung gibt es nun quasi als Bonus. „Ohne das Engagement von Frau Prinz hätten wir das nicht geschafft“, sagt Fachaufsicht Dimitra Georgiou. Was schade wäre, wie Celina findet. Denn wenn die junge Mutter mal wieder mit sich hadert, „zeigt mir Sarah im Video, was alles gut läuft“. Und so ist das Ziel der 21-Jährigen klar: Sie wünscht sich, mit ihren Kindern bald auf eigenen Beinen zu stehen. Sie lächelt. „Das wird mir gelingen, davon bin ich überzeugt.“      

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