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»Was du im Netz siehst, kannst du selber«, sagt Sozial- und Medienpädagoge Benjamin Reuter. Er hat mit zwölf Kindern und Jugendlichen aus Grünau in Ferienworkshops Comics über deren Superhelden entwickelt, gestaltet und produziert. Es sei wichtig, die Kinder auch in der Medienwelt zu begleiten, betont Benjamin Reuter. Zum Jubiläum der Einrichtung sollte nun ein Comic entstehen und aus dem Leben in den Wohngruppen berichten. Der zwölfjährige Oscar übernahm die Hauptrolle.

»Comics«, sagt Benjamin Reuter, »haben in den letzten Jahren bei Kindern und Jugendlichen einen riesigen Anklang gefunden.« Und so kam ein Workshop zum Thema, den der Sozialpädagoge in den Sommerferien 2023 für die Wohngruppen der Jugendhilfe Grünau in Bad Salzuflen anbot, genau zur rechten Zeit. Michelle und Katharina haben sich sofort angemeldet, Philip und Alexander auch; ihr Interesse war groß. An Oscar hingegen ging der Hype um die Bildergeschichten bislang ziemlich vorbei. Doch das hat sich geändert. Jetzt, pünktlich zum Jubiläum der Jugendhilfe Grünau, ist der Zwölfjährige selbst Teil der bunten Comicwelt.

Angefangen aber hatte alles mit einem Comic-Workshop im Sommer, genau genommen waren es sogar drei. Auf seine Einladung hin hatten sich insgesamt zwölf Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Wohngruppen zurückgemeldet, die Benjamin Reuter alle unterbringen musste. »Das Interesse hat mich schon überrascht«, bekennt er. »Sie mussten ja zu gleich drei Terminen da sein, und das in den Ferien.« Doch niemand sei vorzeitig ausgestiegen. Der Eifer war zweifellos auch seinem Konzept geschuldet, das Neulinge wie Fortgeschrittene gleichermaßen ansprach. »Mein Job ist es, zu motivieren und auch das notwendige Handwerkszeug mitzugeben«, sagt er.

Das gelingt Benjamin Reuter immer wieder. 13 Jahre lang arbeitete der Sozialpädagoge in verschiedenen stationären Wohngruppen in Grünau, seit letztem Jahr ist er nun pädagogischer Mitarbeiter in einer Tagesgruppe. Doch bereits vor längerer Zeit begann der 40-Jährige zusätzlich mit gruppenübergreifenden Angeboten, hat zuletzt seine Stundenzahl im Fachdienst noch aufgestockt. »Da kannst du dich als Erwachsener mit den eigenen Hobbys einbringen «, freut er sich. Wie etwa im Bereich Musik, wo er in diversen Projekten seine Erfahrung als Mitglied einer Indie-Rockband weitergibt – und seine Begeisterung gleich mit.

Digitalisierung ein wichtiges Thema

Das kommt gut an. Auch wenn in der Coronapandemie viele Angebote ziemlich ausgebremst wurden. »Die Kinder in den Gruppen aber durften sich weiter treffen, sie wohnen ja zusammen«, sagt Benjamin Reuter. Und so kam ihm die Idee, in der Biber-Gruppe ein Hörspiel aufzunehmen. Die Neuvertonung von Die drei ??? und der Super-Papagei, der ersten Folge der Kultreihe überhaupt, hatte man sich vorgenommen, alle Rollen wurden mit Bewohnern der Gruppe besetzt. »Justus, Peter und Bob wurden zu Florian, Linus und Mauricio«, erzählt Benjamin Reuter. »Das hat allen so viel Spaß gemacht.«

Sie sollen aktiv werden, selbst produzieren und gestalten

Benjamn Reuter, Medienpädagoge

Für ihn war diese positive Erfahrung letztlich der Anstoß, sich in diesem Bereich auch pädagogisch zu professionalisieren. Er ließ sich in der Folge, unterstützt von der Einrichtung, berufsbegleitend zwei Jahre lang in Remscheid an der »Akademie der Kulturellen Bildung« zum Medienpädagogen weiterbilden. Video, Bilder und Ton, das habe ihn privat schon immer gereizt, dazu komme die Digitalisierung, »ein enorm wichtiges Thema«, betont er. In einem ersten Actionvideo mit Kindern und Jugendlichen aus Grünau ging es, ob mit dem Kettcar oder auf dem Skateboard, laut Reuter vor allem darum, den jungen Leuten eines nahezubringen: »Was du im Netz siehst, das kannst du selber!«

»Zeig, was du kannst«, das war nicht allein das Motto des ersten Angebots, das bei der Vorführung im Saal, standesgemäß mit Popcorn und Softdrinks, hervorragend ankam. Es ist der Ansatz für seine Medienarbeit insgesamt: Kinder und Jugendliche fit zu machen für die digitale Welt, in der sie nicht nur konsumieren, »sondern aktiv werden, selbst produzieren und gestalten«, sagt er. Zu 100 Prozent Kompetenz zu vermitteln sei dabei gar nicht das Ziel. Als Medienpädagoge vermittle er vielleicht zu 40 Prozent Wissen und zu 60 Prozent Spaß. »Wenn’s gut läuft«, meint er mit einem Grinsen. Wichtig sei, junge Menschen »in ihren Medienwelten zu begleiten, wie wir es auch in ihren anderen Welten tun«.

Die analoge Welt der Comics passt da nur vordergründig nicht so recht ins Bild. Denn, wie könnte es anders sein, auch der schönste Band, die aufwändigste Graphic Novel, wird längst in digitaler Form auf den Weg gebracht. »Es gibt zum Beispiel richtig gute Apps, in denen man Fotos im Comicstil aufbereiten kann«, erläutert Benjamin Reuter. Zeichnen zu können sei deshalb gar nicht notwendig. Das sichere eine Niederschwelligkeit, alle könnten dabei sein, sagt Reuter. Eine gute Geschichte zu erzählen bleibe das Ziel

recke:in 1/2024 zum Thema

Unser Unternehmensmagazin recke:in beschäftigt sich in der jüngsten Ausgabe mit dem Jubiläum der Jugendhilfe Grünau. Das ganze Heft zum 175-jährigen Bestehen der Einrichtung der Graf Recke Pädagogik gGmbH in Bad Salzuflen können Sie hier online lesen:

recke:in auf recke-on.de

Medienhelden als Vorbilder

Diese wurde bei den Workshops im Sommer in Zweierteams entwickelt und in einem sogenannten Storyboard festgehalten. »Superhelden in Grünau« war das Grundthema, die Geschichten reichten letztlich von Fußballern wie Christiano Ronaldo bis hin zu heroischen Legofiguren aus dem Kinderzimmer. Die Umsetzung erfolgte dann komplett am Tablet, vom Fotografieren bis zur grafischen Aufbereitung. »Die Kids haben bemerkt, was sie alles können: Bilder bearbeiten, Seiten gestalten, alles bewusst und zielgerichtet«, erläutert Benjamin Reuter. Und so seien alle zwölf bis zum Ende dabeigeblieben, »die waren Feuer und Flamme «, freut er sich.

Comics haben eine hohe Identifikationskraft, davon ist der Medienpädagoge überzeugt. Insbesondere Medienhelden seien Vorbilder, »das müssen wir ernst nehmen«. Das Ergebnis der Workshops dürfe im Vergleich dazu allerdings nicht abfallen, müsse Wertigkeit besitzen. »Im Prozess erkennen Kinder und Jugendliche, dass man sich dafür Mühe geben muss. Sie lernen das einzuordnen und sind am Ende auch stolz auf sich«, erklärt er den pädagogischen Effekt. Und daher bekamen am Ende alle ihren eigenen Comic ausgehändigt, so wie sie ihn kennen, gedruckt und gebunden. Einen Sammelband mit allen Geschichten präsentierte man den Gästen dann beim jährlichen Kulturabend im September, es gab viel Lob.

So ist laut Benjamin Reuter auch die Idee entstanden, einen solchen Comic zum 175. Geburtstag der Einrichtung umzusetzen. »Ich wurde angefragt.« Die Hauptrolle sollte ein Jugendlicher aus Grünau spielen, »der ein bisschen sein Leben preisgibt«, sagt er. Das aber sei schon eine andere Nummer, als Superhelden in Szene zu setzen. Und an diesem Punkt kam dann Oscar ins Spiel, der seit rund einem halben Jahr in der Füchse-Gruppe lebt und nach eigenem Bekunden zuvor noch nie einen Comic gelesen hatte. Als im Dezember die Anfrage in die Gruppe kam, habe er sich aber gedacht: »Vielleicht wird es Spaß machen und auch gut aussehen, also probiere ich es einfach mal aus.«

Oscars Interessen liegen eigentlich woanders: Er kocht zum Beispiel gerne, mindestens einmal in der Woche für alle sieben Füchse und die Betreuungskräfte. Getoppt wird das jedoch von seiner Leidenschaft für Züge. Oskar ist ein sogenannter Trainspotter, wühlt sich regelmäßig durch Fahrpläne, passt die interessantesten Loks und Waggons an Bahnhöfen oder Brücken ab und fotografiert sie. »Das hat vor zwei Jahren angefangen, als ich viel mit der Bahn unterwegs war«, verrät er. Und wenn Oscar abends noch ein bisschen am Computer zockt, dann am liebsten eine Zugsimulation.

Es war aufregend und irgendwie auch lustig.

Oscar, Wohngruppe Füchse

Ein solches Spiel hat es, wenig überraschend, letztlich auch in den Comic über seinen Alltag in Grünau geschafft. Den Anfang allerdings macht sein banger Blick auf den Wecker, der den Jungen wochentags um 6.40 Uhr aus dem Schlaf reißt. »Ich möchte dann eigentlich noch liegen bleiben, aber muss ja zur Schule«, meint Oscar, leicht gequält. Dorthin wird er dann mit dem Bulli gebracht, der ebenfalls im Comic auftaucht. Genauso wie das Kochen und Putzen, Streiten und die Kreativität in der Gruppe. Und auch die regelmäßigen Therapiegespräche sind Teil der Bildergeschichte.

Das Interesse geweckt

Oscar selbst hat die Themen gesetzt, das war Benjamin Reuter wichtig. Von diesem in all den Szenen fotografiert zu werden, fand Oscar »aufregend und irgendwie auch lustig«. Bereut hat er seine Entscheidung jedenfalls nicht. Den entstandenen Comic findet er gut, auch seine Freunde fänden, »dass er cool aussieht «, wie er sagt. Und tatsächlich habe er jetzt auch ein Interesse an Comics gefunden. »Aber weniger lesen, eher selber machen«, meint er. Benjamin Reuter findet das gut. »Mission erfüllt«, sagt er und lacht.

Mein Tag in Grünau: das Comic

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