Kontemplatives Strampeln

Ein Loblied auf das Zweirad von Roelf Bleeker.

Rad fahren: Das bedeutet für mich nicht das Biken mit Elektromotor. Ich konkurriere aber auch nicht mit den Rennradlern in ihren windschnittigen Hosen. Das kontinuierliche, zügige, im Idealfall mit dem Erreichen eines Ziels ebenso wie mit der Betrachtung der Umgebung verbundene Radeln, das ist es, was mich froh macht: das kontemplative Strampeln auf längeren Strecken, bei dem die Gedanken im Rhythmus des Pedaltritts zu kreisen beginnen und neue Ein­sichten und Ideen ermöglichen.

Dass ich in diesem Modus immer mal wieder an lohnenswerten Zwischenzielen vorbeifahre, ist nicht schlimm. Denn was brauche ich Wasser­schlösser, Aussichtstürme oder Gedenktafeln, wenn ich auf dem Weg ganz zufällig neue Land­schaften entdecke, neue Orte, neue Eindrücke sammle und eine Idee von der Gegend entwickle? Ich kann die Region mit dem Auto schon hundert Mal durchfahren haben, mit dem Rad entdecke ich sie neu. Das Rad ist für mich das ideale Freizeit- Fortbewegungsmittel – nicht zu schnell, wie das Auto, nicht zu langsam, wie der Fußmarsch.

Am liebsten mache ich meinen Plan vorher, anhand einer Mischung aus digitalen und analogen Karten, im Idealfall anhand von Knotenpunkt­systemen. So lässt es sich dann ausreichend gedankenverloren radeln, ohne sich heillos zu verfahren.

Ein Hoch auf die Knotenpunkte! Die kleinen Pfeile und Zahlen lenken mich mal nach links, mal nach rechts, mal geradeaus; ich folge ihnen auch dann, wenn mich der eingeschlagene Weg mal verwundert, weil die Richtung unerwartet ist. So gesteuert bietet sich mir nach mancher Kurve eine völlig neue Perspektive und Wahrnehmung: Gerade noch bin ich in einen Wald eingetaucht, der sich schon wieder öffnet und den Blick freigibt auf eine unerwartete Landschaft oder eine zuvor versteckte Siedlung. Eben kämpfte ich noch gegen den von vorn blasenden Wind an, der mich jetzt nur noch moderat seitlich trifft oder gar freund­lich anschiebt. Langsam begann der allzu bucklige Waldweg lästig zu werden, da kann ich plötz­lich auf einer breit asphaltierten Fahrradstraße wunderbar voranradeln.

Verliere ich doch einmal den vorgesehenen Weg, dann ist das kein Grund für Ärgerlichkeit. Zwingt mich dies doch zu einer Pause, die ich sonst allzu leicht vergesse. So neu orientiert wie erholt geht es weiter. Gelassenheit ist auch beim Radeln eine Tugend, die sich auf dem Zweirad bei mir von selbst einstellt. Selbst wenn ich feststellen muss, dass ich einen großen und scheinbar sinnlosen Kreis gefahren bin.

Rad fahren ist wie das Leben selbst: Wir setzen uns Ziele und kommen mal besser, mal schlech­ter voran. Möglicherweise müssen wir die Ziele – oder zumindest Etappen – auch mal korrigie­ren. Wir machen Pläne und es ist gut, diesen zu folgen. Wenn wir aber nicht mehr weiterwissen, dann ist es noch besser, auf jemanden zu treffen, den man um Rat fragen kann. Stellen wir fest, dass wir auf dem falschen Weg sind, dann ist es klug, anzuhalten und die Richtung zu überdenken. Nach vorn schauen ist wichtig, aber zurückblicken manchmal auch.

Vergleiche fallen mir noch viele ein und eben­solche kann sicher jeder Radler für sich ziehen. Albert Einstein wird ebenfalls einer zugeschrieben: »Das Leben ist wie Fahrrad fahren. Um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben.« Und auch die angesprochenen kreisenden Gedanken schie­nen ihm nicht fremd, so soll ihm gar die Relativi­tätstheorie auf dem Fahrrad eingefallen sein. Mir immerhin vor Jahren die Idee für die Graf-Recke- Kollektion »SOCIAL WORK since 1822«.

Es liegt mir fern, mich mit Albert Einstein ver­gleichen zu wollen. Oder vielleicht doch – aber nur hinsichtlich der Freude am Radfahren.

Dr. Roelf Bleeker

ist Leiter des Referats Kommunikation, Kultur & Fundraising der Graf Recke Stiftung.

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