In die Wohlfühlatmosphäre

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Die Biografie eines Menschen endet nicht mit einer Demenz. Im Ahorn-Karree stehen deshalb die Persönlichkeit und die individuellen Wünsche der hier lebenden Menschen im Mittelpunkt – mögen diese sich noch so ungewöhnlich verhalten.

Der ältere Herr mit Basecap steuert auf eine kleine Gruppe zu, die plaudernd beisammensteht. "What's going on?", ruft er schon von weitem. "We're waiting for you, Mister Ray*", ruft Alexandra Czenia-Kunz zurück. Mr. Ray ist bei der Gruppe angekommen, breitet die Arme aus und sagt: "I'm here!" – und beginnt einen englischen Folksong zu schmettern.

Mister Ray ist einer von 53 Bewohnerinnen und Bewohnern des neuen Ahorn-Karrees für Menschen mit einer schweren Demenz. Und er ist einer der vielen, denen der Umzug aus dem alten Haus Ahorn sichtbar gutgetan hat. So berichten es Alexandra Czenia-Kunz, Quartiersmanagerin im Ahorn-Karree, und Marek Leczycki, Geschäftsbereichsleiter. "Im Haus Ahorn saß er in der Ecke, sehr zurückgezogen, total überfordert", berichtet Lezcyki. Heute zieht der gebürtige Engländer singend durchs Haus, hält Smalltalk und holt sich an der Rezeption "some chocolate" ab.

 

Im September des letzten Jahres sind die ersten Bewohnerinnen und Bewohner vom alten Haus Ahorn ins neue Ahorn-Karree gleich nebenan gezogen. Beides sind geschlossene Einrichtungen. Die Menschen leben hier auf richterliche Anordnung, wegen Selbst- oder auch Fremdgefährdung. Doch von „der Geschlossenen“ spürt man in den hellen Räumen des Neubaus fast nichts. Die Menschen, oft von einer inneren Unruhe getrieben, seien im Ahorn-Karree deutlich entspannter. Die Medikamente habe man in dieser Wohlfühlatmosphäre signifikant reduzieren können, freut sich Leczycki. „Ich bin selbst überrascht, wie schnell das Konzept hier greift.“

Gehoben-etabliert oder bürgerlich

Das Konzept setzt an zwei wesentlichen Hebeln an: Die derzeit vier Wohngemeinschaften bestehen aus maximal 13 Bewohnerinnen und Bewohnern und sie sind nach Milieus unterteilt: traditionell, bürgerlich und gehoben-etabliert. Das sind die bisher eingerichteten Hauswohngemeinschaften. Diese Einteilung in Milieus verschaffe den Menschen ein ganz anderes Gefühl von Zuhause und Geborgenheit, sagt der Geschäftsbereichsleiter, der das Konzept wesentlich mitverfasst hat. Hier leben sie in einer Wohngemeinschaft, die zu ihrem Leben passt, in kleineren Gruppen mit Menschen, die ähnliche Biografien haben; auf den stilistisch passenden Möbeln liegen Zeitungen und Zeitschriften aus, die sie aus ihrem bisherigen Leben kennen und schätzen. Im alten Haus Ahorn mit seinen langen Fluren und großen Wohnbereichen dagegen herrsche eine „Bahnhofsatmosphäre“, so der Geschäftsbereichsleiter. Eine bunte Vielfalt, könnte man sagen, aber eher ein Durcheinander, das Menschen mit Demenz schnell überfordern kann. Die kleinen Wohngemeinschaften bieten statt Bahnhofs- nun Wohlfühlatmosphäre.

Begegnung im Ahorn-Karree

Immer mal wieder hatte der Autor dieses Artikels bei den Kolleginnen und Kollegen nachgefragt: Wie geht es eigentlich Frau Doktor Worrings? Acht Jahre ist es her, das Treffen mit der damals fast 90-Jährigen und ihrem Sohn im Haus Ahorn. Nun sitzt die frühere Kinderärztin unverhofft an einem Tisch im Ahorn-Karree und blättert in einigen ausgedruckten Wikipedia-Artikeln über historische Persönlichkeiten. „Sie ist gestern hier eingezogen“, erzählt die stellvertretende Pflegedienstleitung. Gesellschaft leistet der alten Dame ein Krokodil, neben ihr auf dem Tisch. Wie damals.

Die Geschichte über Anneliese Worrings, ihren Sohn und das Krokodil Kroko finden Sie hier in der recke:in 3/2016

Der zweite Hebel ist der Dorotheenboulevard. Dort hat gerade ein Friseursalon eröffnet, in Kürze soll ein kleiner Supermarkt und später auch ein Café folgen. Nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Angehörigen, auch für die anderen Menschen im Dorotheenviertel Hilden, etwa aus den benachbarten Senioreneinrichtungen und Jugendhilfe-Wohngruppen. Denn der Dorotheenboulevard soll nicht nur ein Ort sein, an dem Menschen mit Demenz ganz selbstverständlich alltäglichen und vertrauten Tätigkeiten nachgehen können, die sie von früher kennen, sondern hier soll sich die Welt der Menschen mit Demenz und die Welt der anderen mischen.

Umgekehrte Inklusion

„Umgekehrte Inklusion“ nennen das die Mitarbeitenden. Denn auch wenn sich das Ahorn-Karree nicht wie „eine Geschlossene“ anfühlt: Einfach rausspazieren dürfen die hier lebenden Menschen nicht. Am Eingang zum Dorotheenboulevard, gleich neben der Rezeption, ist eine doppelte Tür, um das Ein- und vor allem Ausgehen im Blick zu behalten. Auch im Ahorn-Karree treibt die Menschen mit Demenz etwas an, das früher als „Weglauftendenz“ bezeichnet wurde. Heute sprechen Experten von „Hinlauftendenz“. Denn der Drang vieler Menschen mit Demenz, sich auf den Weg zu machen, hat weniger mit Fluchtgedanken zu tun als mit dem Wunsch, hinzugelangen, häufig zu etwas aus der eigenen Vergangenheit. Quartiersmanagerin Czenia-Kunz erinnert sich an ihre Urgroßmutter, die in Ostpreußen auf dem Land aufgewachsen und später orientierungslos durch Düsseldorf gelaufen sei, um ihre Hühner zu füttern. Hühner, die nur noch im Kopf der Urgroßmutter existierten. Die Gefahr von Autos und Straßenbahn dagegen existierten in der Realität, sodass ihre Kinder sich nicht anders zu helfen wussten, als die alte Dame einzuschließen. Die Alternative sei ihnen klar gewesen, sagt Czenia-Kunz: "Früher waren diese Menschen Fälle für die Psychiatrie."

Deshalb war das 1977 in Betrieb genommene Altenkrankenheim Haus Ahorn schon ein großer Fortschritt, geplant und umgesetzt nach dem damals neuesten Stand der Erkenntnisse. Heute ist das Haus nicht nur baulich in die Jahre gekommen, das ganze Konzept des funktionalen Krankenhaus-Stils ist nicht mehr zeitgemäß.

Im Ahorn-Karree gehen die Bedürfnisse der Menschen vor Funktionalität. „Individualität wird hier total berücksichtigt“, versichert Oksana Aleksejew, stellvertretende Pflegedienstleitung. „Wenn ich morgens in ein Zimmer komme und sehe, der Bewohner schläft noch, dann mache ich halt erst was anderes und komme später wieder.“ So ist es gewollt, und dazu hat die Graf Recke Stiftung ihre Mitarbeitenden über ein eigenes Curriculum zu so genannten Präsenzkräften ausgebildet. Diese vereinen die verschiedenen Aufgaben in einer Pflegeeinrichtung in einer Person: Pflege, Sozialdienst und Hauswirtschaft. Welche Profession gerade gefragt ist, das entscheidet sich anhand der Wünsche der Bewohnerin oder des Bewohners.

Auf einem großen Sofa in der gehoben-etablierten WG sitzt Doktor Müller*. Die Nennung des Titels sei nicht nur dessen Frau wichtig, erzählt Marek Leczycki, es gehöre zum Konzept. Den früheren Richter ohne Doktor anzusprechen oder gar zu duzen, sei „ein No-go“. Nicht, weil einem Doktor im Ahorn-Karree mehr Respekt entgegengebracht wird als anderen, sondern weil alle so behandelt werden, wie sie es von früher kennen. Um eine vertraute Atmosphäre zu schaffen. Deshalb lebt der joviale Mister Ray in der bürgerlichen Wohngemeinschaft und Doktor Müller in der gehoben-etablierten. Die Einteilung geschieht anhand von Fragebögen und, wo möglich, in Abstimmung mit den Angehörigen. „Die Biografie eines Menschen endet nicht mit der Demenz“, sagt Marek Leczycki.

Die Biografie eines Menschen endet nicht mit der Demenz.

Marek Lezcycki

Der Doktor

Wer Doktor Müller kennenlernt, ahnt, was das bedeutet. Er sitzt gut gekleidet auf dem Sofa und parliert mit dem Geschäftsbereichsleiter. Erst wenn man dem Gesprächsverlauf länger folgt, wird deutlich, dass Doktor Müllers Worte keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben. Marek Leczycki fragt ihn, welche Musik der pensionierte Richter gern höre. „Zehn-Minuten-Aktivierung“ nennen die Fachleute das, wenn sie den Menschen mit einer Demenz über biografische Fragen einbinden. Der Doktor holt weit aus, als doziere er über einen komplizierten juristischen Fall: „Bei der Musik bin ich sehr gerne dabei. Aber wenn ich mir das jetzt ansehe, wird es immer schwieriger, muss ich doch sagen …“ Während er sich in seinen Ausführungen zu verlieren scheint, rutscht er langsam immer weiter nach unten auf dem Sofa. Bevor er ganz darin verschwindet, hilft ihm eine Mitarbeiterin auf und stellt ihn auf die Beine. Doktor Müller geht ein paar Schritte, dreht sich plötzlich um, sieht den Geschäftsbereichsleiter prüfend an und fragt mit einem verschmitzten Lächeln: „Was genau ist der Hintergrund dieser Fragestellung?“

Im Milieu dieser Hauswohngemeinschaft fühlt sich auch Gabriele Wagner besonders wohl. Sie hat sich bewusst dafür entschieden, hier zu arbeiten. Nach 40 Berufsjahren als Fachassistentin habe sie über ihren Sohn in den sozialen Beruf gefunden. Zunächst war sie an der Rezeption im Haus Ahorn tätig, parallel ließ sie sich zur Alltagsbegleiterin ausbilden und 2021 dann zur Präsenzkraft. Sie kennt die Berufe, die die älteren Damen und Herren früher ausgeübt haben. Dieser sei Börsenmakler gewesen, jener ein weitgereister Diplomat. Der freue sich immer, wenn sie mit ihm über ferne Länder spreche, dann kommen Erinnerungen auf. „Seit ich mit alten Menschen zu tun habe, geht es mir gut“, sagt Gabriele Wagner, und dass sie es „keine Sekunde bereut“ habe, in diesen Beruf gewechselt zu haben. Zwar schätzt sie den kommunikativen Anteil ihrer Arbeit mehr als den hauswirtschaftlichen, aber auch in der Küche geht es ja nicht nur um Hauswirtschaft, dort bindet sie die Bewohner mit ein. Ganz im Sinne des Konzepts: die Menschen aktivieren, ihre Ressourcen abrufen, sie zu altvertrauten Handgriffen animieren. Die kleinen Hausgemeinschaften weiß sie zu schätzen, kann sie sich doch viel individueller kümmern. „Hier geht es sehr familiär zu“, sagt sie.

Nah und fern

Familiär – das trifft es, wenn man die Runde beschreiben möchte, die sich inzwischen am Tisch gleich bei der offenen Küche versammelt hat. Dort sitzen neben Gabriele Wagner unter anderem eine birnenschälende Kollegin, der ehemalige Börsenmakler, Quartiersmanagerin Czenia-Kunz sowie das Ehepaar Heizmann. Werner Heizmann kommt jeden Tag ins Ahorn-Karree. „Er wohnt fast schon hier“, sagt Alexandra Czenia-Kunz. Tatsächlich hat der 85-Jährige es nicht weit, seit er gleich nebenan ins Service-Wohnen der Stiftung gezogen ist, um seiner Inge nahe zu sein. Seiner Frau, die ihm oft so fern ist, die mit einer Puppe auf dem Arm am Tisch sitzt, diese vorsichtig wiegt und ihr leise zuraunt: „Du bist mein kleines Mäuschen, nicht?“

Er habe es sich lange nicht eingestehen wollen, dass seine Inge nicht nur ein bisschen vergesslich geworden sei, sagt Werner Heizmann. Sie habe zunehmend seltsame Dinge getan, berichtet der frühere Gastronom, sich etwa mit ihrem Lippenstift die Augenbrauen nachgezogen. Oder sie habe die Katze auf ihrem Schoß festgehalten, obwohl diese „wie am Spieß schrie“ – und ihn eines Tages nicht mehr erkannt. Seine Töchter hatten es ihm sagen müssen: „Papa, du kannst das nicht mehr.“ Werner Heizmann selbst sagt rückblickend: „Ich hatte eine schwere Zeit.“

Der Umzug – zunächst noch ins Haus Ahorn, im September dann ins Ahorn-Karree – habe beide zur Ruhe kommen lassen, sagt Werner Heizmann. Seine Inge lebt zwar in ihrer eigenen Welt. Werner Heizmann sagt: „Meine Frau ist nicht mehr.“ Aber er will bei ihr sein. Er freut sich, wenn die 84-Jährige auf ihre Weise am Gespräch teilhat, so sinnlos ihre Beiträge auch erscheinen, so wenig sie dem Gespräch vermutlich folgen kann. Doch sie lacht, wenn alle lachen. Wohl nur um des Lachens willen. Aber sie ist dabei.

Ein Grund zum Feiern

Und dann erwähnt Werner Heizmann ganz nebenbei, dass das Paar bald 65 Jahre lang verheiratet sein wird. Da gibt es ein großes Hallo am Tisch, und als er abwinkend sagt, das sei kein Grund zum Feiern, da widersprechen ihm die Mitarbeiterinnen am Tisch mit Vehemenz. „Doch“, sagt Gabriele Wagner energisch, „das ist ein Grund zum Feiern, denn Sie erleben diesen Tag zusammen!“ Und dann machen sie am Küchentisch alle gemeinsam Pläne für den Hochzeitstag. Und Inge Heizmann wiegt ihre Puppe und murmelt: „Wunderbar.“ Ob sie damit den anstehenden Hochzeitstag meint, bleibt ihr Geheimnis.

* Die gekennzeichneten Namen und teilweise auch biografischen Daten wurden zum Schutz der Persönlichkeit der Personen geändert.

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