Diva in Gemeinschaft

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Wenn Paola Scifo an die Entwicklung ihrer Tochter in den vergangenen Jahren denkt, kommt sie richtiggehend ins Schwärmen. „Für Chiara hat sich eine Welt geöffnet“, sagt sie und lächelt. Insbesondere seit die 17-Jährige die Franz-Marc-Schule besucht, eine Förderschule für geistige Entwicklung in Düsseldorf, hat sich vieles zum Positiven gewendet: Die Jugendliche erkennt Grenzen anderer an, hat Freunde, gehört dazu. Das hat ganz viel mit einer ganz besonderen Inklusionsbegleiterin der Graf Recke Stiftung zu tun, die sie zwei Jahre lang begleitet hat. 

Chiara lebte bis vor vier Jahren mit ihrer deutschen Mutter und ihrem italienischen Vater sowie zwei jüngeren Geschwistern in Italien. Dort stürzte sie im Alter 14 Monaten vom Dreirad und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. „Die Erstversorgung verlief nicht perfekt“, sagt Paola Scifo knapp. Die Folgen waren erheblich: Das Mädchen hat seitdem eine geistige Behinderung, ist halbseitig gelähmt und erleidet mehrmals täglich epileptische Anfälle. „Sie kann jederzeit einen Anfall bekommen und stürzen, deshalb trägt Chiara auch einen Helm“, erklärt ihre Mutter.

Der Helm war für das Mädchen in ihrer italienischen Schule das geringste Problem: „Das Schulsystem war nicht gut für sie“, befindet Paola Scifo. Zwar besuchten dort grundsätzlich Kinder mit und ohne Behinderung den Unterricht, ihre Tochter sei aber selten länger als fünf Minuten im gemeinsamen Klassenraum verblieben, weil sie die Mitschüler gestört habe, sagt die 47-Jährige. „Chiara war dadurch ständig vereinzelt. Deshalb war es auch so schwierig, sie in eine deutsche Schule zu integrieren.“ 

Video: "...vom Gemeinschaftsleben fast gar nichts"

Als die Familie vor gut vier Jahren nach Deutschland zog, schlug der Versuch an einer Halbtagsschule jedenfalls ziemlich fehl, die Tochter konnte sich einfach nicht in die Gemeinschaft einfinden. Allerdings lernte die Familie dort eine Inklusionsbegleiterin der Graf Recke Stiftung kennen, die immer wieder ihre Unterstützung anbot und auch bei der Suche nach einer Inklusionsbegleitung für Chiara vermittelte. Diese fanden die Scifos dann im persönlichen Umfeld. Aus gutem Grund: „Unsere Tochter konnte am Anfang nichts verstehen, sie brauchte eine Inklusionshelferin, die italienisch spricht.“

Das tat Rossana, die Chiara nach ihrem Schulwechsel zwei Jahre lang begleitet und dabei „Großartiges geleistet“ hat, wie Paola Scifo betont. Rossana habe Chiara nicht nur im Schulalltag geholfen und sie vor Stürzen bewahrt, was ein Lehrer so niemals leisten könnte. „Sie hat ihr auch beigebracht, dass das Leben eine Gemeinschaft ist, in der man aufeinander Rücksicht nimmt.“ Zuvor sei ihre Tochter immer der Sonderfall gewesen, sie habe gerne den Clown gespielt, die Diva gegeben. Das passiert jetzt kaum noch. Chiara sei auf einem guten Weg und nun Teil einer richtigen Clique. „Und wenn Gleichaltrige die Gemeinschaftsregeln in Erinnerung rufen, hat das eine ganz andere Wirkung“, sagt Paola Scifo mit einem Schmunzeln.

 

Video: "Schützen und Grenzen aufzeigen"

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Dass die lebhafte Rossana mittlerweile nach Italien zurückging, um dort als Inklusionslehrerin zu arbeiten, ist kein Drama. Zum einen versteht Chiara mittlerweile Deutsch, zum anderen gibt es eine würdige Nachfolgerin. „Die neue Inklusionsbegleiterin ist erst 20 Jahre alt und und eher still“, sagt Paola Scifo. Darüber hinaus habe ihre Tochter durch die Graf Recke Stiftung eine Freizeitbegleiterin, die vor allem am Wochenende mit ihr spielt oder spazieren geht. Und klar gebe es weiterhin Ziele, meint die Mutter dann: dass ihre Tochter beispielsweise mit dem Bus statt mit dem Taxi zur Schule fahren kann. Das Wichtigste allerdings sei, dass Chiara durch die Unterstützung jetzt Teil einer Gemeinschaft sei. „Und nicht der Teil, der stört.“

Video: "Dankbar für die super Arbeit"