Der Traum vom eigenen Zuhause

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25 Jahre lang lebte Manfred Löhe im Wohnheim Alt-Düsselthal der Graf Recke Stiftung, zuletzt in einer Fünfer-WG. Wegen seiner psychischen Erkrankung war an ein Leben in einer eigenen Wohnung für ihn lange Zeit nicht zu denken. Das hat sich geändert: Im Oktober wechselte der 63-Jährige ins Betreute Wohnen, was er seiner gesundheitlichen Stabilisierung zu verdanken hat – und nicht zuletzt auch Annette Streit. Die Sozialpädagogin begleitet Manfred Löhe von Anfang an und erkennt im Umzug für ihn »eine große Chance«.

Den 19. Juli 1995 wird Manfred Löhe nie vergessen. Es ist der Tag, an dem der heute 63-Jährige im Wohnheim Alt-Düsselthal der Graf Recke Stiftung »Unterschlupf gefunden hat«, wie er es ausdrückt. Endogene Psychose – so lautete damals die Diagnose, die ihn zuvor zu einem längeren Aufenthalt in einer LVR-Klinik zwang. Doch an jenem Sommertag begann für ihn in Düsseldorf-Grafenberg »ein neues Leben«, wie er sagt. Kein einfaches, das räumt er ein. Völlig gesund ist er bis heute nicht. Und doch ist er froh und auch stolz darauf, was sich seitdem alles geändert, was er alles geschafft hat.

Jetzt hat er den nächsten Schritt getan: Seit Oktober lebt Manfred Löhe in einer eigenen Wohnung, das erste Mal seit einem Vierteljahrhundert. Daran war bei ihm aus gesundheitlichen Gründen lange Zeit nicht zu denken. Und so sehr er sich jetzt freut, noch immer hat er auch großen Respekt vor der Veränderung. Seit 25 Jahren habe er sich bewusst gegen jeglichen Konsum von Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen entschieden, macht er deutlich. Das soll so bleiben. Dass Manfred Löhe sich das jetzt ohne soziale Kontrolle zutraut, hat mit seiner gefestigten Psyche zu tun, mit der gewählten Wohnform – und nicht zuletzt auch mit Annette Streit.

Annette Streit ist Sozialpädagogin und arbeitet im Wohnheim Alt-Düsselthal. Als Manfred Löhe nach seinem Klinikaufenthalt dort einzog, begann für sie fast zeitgleich ihr Anerkennungsjahr. Längst sind die beiden ein eingespieltes Team, wenngleich sie sich bis heute siezen. »Aus Respekt«, wie Annette Streit anmerkt.

Manfred Löhe

beginnt mit 63 ein neues Leben.

Dass Manfred Löhe nun quasi zum Jubiläum in die eigenen vier Wände zieht, darüber ist aber auch sie nicht traurig, sie hat das im Gegenteil aktiv unterstützt. »Er hat sich in den letzten Jahren immer mehr stabilisiert«, erklärt sie. »Für ihn ist es eine große Chance.«

Die Gefahr eines Rückfalls besteht immer

Aus den Augen verlieren sich die beiden ohnehin nicht: Das Apartment ist eines von insgesamt zehn innerhalb des Betreuten Wohnens in einem stiftungseigenen Haus, liegt in nächster Nähe auf dem Gelände des Sozialpsychiatrischen Verbunds. Alleine bleiben wird Manfred Löhe ohnehin nicht, Annette Streit bleibt für ihn stets ansprechbar. Für ihren Klienten ein entscheidender Punkt: »Die Gefahr besteht immer, dass ich einen Rückfall kriege«, sagt er. »Aber seit 14 Jahren war ich nicht mehr in der Klinik. Und seit einigen Jahren nehme ich auch keine starken Psychopharmaka mehr.« Dennoch beobachte er sich sehr genau, versichert er. Sollte sich je eine Krise anbahnen, »werde ich auf Frau Streit zugehen«. Das gilt andersherum genauso, sollte Annette Streit diese zuerst bemerken. Bislang aber, sagt Manfred Löhe dann mit einem Lächeln, sei das gar nicht nötig gewesen.

Wer einordnen will, was für einen Fortschritt das für den 63-Jährigen bedeutet, muss seine Krankheitsgeschichte kennen: Vor 30 Jahren war der gebürtige Burscheider mit seiner damaligen Frau nach Düsseldorf gezogen, doch die Ehe hielt nicht lange. »Ich war Polytoxikomane. Das heißt, ich hab alles an Drogen eingeworfen, was ich kriegen konnte«, erzählt er ganz offen. Von Haschisch über LSD bis Kokain sei alles dabei gewesen. Er brauchte Geld und saß wegen Beschaffungskriminalität einige Zeit sogar im Gefängnis. »Ich hatte vorher schon einen Knacks, den Rest hat mir dann der Knast gegeben«, glaubt er. Ein schweres Leberleiden kam schließlich noch hinzu.

Als er über den Umweg der LVR-Klinik einst in Alt-Düsselthal ankam, war sein Zustand wahrlich nicht der beste: Rund 150 Kilogramm wog Manfred Löhe zu der Zeit, sicherlich auch eine Nebenwirkung der starken Medikamente, die ihn müde machten. Auch die psychischen Entzugserscheinungen waren nicht ohne. »Ich ging damals zur Arbeitstherapie, ansonsten habe ich nur im Bett gelegen«, erzählt er. Sieben, acht Jahre habe es gedauert, bis er wieder zu sich selber gefunden habe. Mit dem für ihn obligatorischen Stirnband und seinen langen Haaren habe er damals ausgesehen »wie ein Indianer«, erinnert sich Annette Streit und lacht. Die junge Frau hat das damals ziemlich beeindruckt. »Wir mussten uns erst aufeinander eingrooven.« Das hat offenbar gut geklappt.

Annette Streit

begleitet Manfred Löhe seit 25 Jahren.

Video: In der eigenen Wohnung

"Die größte Herausforderung ist die Stille": Manfred Löhe im Video über sein neues Leben.

»Auf einen Nenner gebracht: Sie ist für mich inzwischen wie eine Schwester«, sagt Manfred Löhe und lächelt. Mit niemandem habe er jemals so lange seine Zeit verbracht, »ich habe ihr so viel zu verdanken«. Annette Streit ringt um Fassung und verdrückt ein Tränchen. »Ich begleite Leute durch den Alltag, mehr mache ich nicht«, sagt sie dann bescheiden. Und klar, man müsse Dinge rechtzeitig ansprechen und dabei keine Angst vor einem Streit haben. Verlässliche Beziehungen seien »das Entscheidende«, sagt die Sozialpädagogin. »Erst wenn sich die Menschen sicher fühlen, können sie Schritte nach vorne machen.«

Ich habe ihr so viel zu verdanken.

Manfred Löhe

Und diese Schritte hat Manfred Löhe zweifellos getan: Dass er heute nur noch etwa die Hälfte wiegt, seine lange Mähne einer gepflegten Kurzhaarfrisur gewichen ist, sind lediglich die äußeren Anzeichen. »Am Anfang hatte Herr Löhe Angst, in die Stadt zu gehen«, berichtet Annette Streit. Heute steige er ganz selbstverständlich alleine in die U-Bahn oder nehme das Fahrrad. »Er ist nicht mehr begrenzt«, freut sie sich. Darüber hinaus habe er seine Abläufe gefunden, die durch Corona nun allerdings etwas gestört werden.

Job in der Industriemontage

Fünf Mal in der Woche geht Manfred Löhe normalerweise für dreieinhalb Stunden in die Arbeitstherapie, seit Jahren fast durchgehend in der Industriemontage der Graf Recke Stiftung. Dort verpackt er Schrauben oder versieht Bolzen mit Clips. Sein Job hat sich pandemiebedingt nun auf vier Arbeitstage à zwei Stunden reduziert. »Mir geht ein gewisser Teil der Tagesstruktur verloren«, bedauert er. Doch er will gar nicht jammern, hatte er doch in jüngster Zeit einiges zu tun – eine Wohnung einrichten zum Beispiel.

Bis zuletzt hatte Manfred Löhe in einer Fünfer-WG gewohnt, die Mitbewohner konnte er sich dabei nicht aussuchen. Immer wieder sei es auch zu Wechseln gekommen, was er als sehr anstrengend empfunden hat. Auch das Hygieneverständnis war nicht immer das gleiche, Manfred Löhe ist laut Annette Streit ein sehr ordentlicher Mensch. »Es war teilweise schwer für mich, die WG als mein Zuhause anzusehen«, sagt er. Als Annette Streit ihm dann Anfang September von dem frei werdenden Apartment berichtete, musste er nicht lange überlegen. »Quasi über Nacht ging ein Traum in Erfüllung«, sagt er. Selbst bei der Besichtigung im noch unrenovierten Zustand wollte er »gar nicht mehr raus«. Muss er jetzt auch nicht mehr: Die zuständige Case-Managerin leitete alles Notwendige in die Wege, wenige Wochen später stand bereits der Umzug an.

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»Vom Willen zur Teilhabe«, lautet der Titel der recke:in, Ausgabe 4/2021, die Mitte Dezember erscheint. Darin geht es um Menschen, die mit mehr oder weniger Unterstützung ihren Wunsch nach Selbstständigkeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit in die Realität umsetzen.

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Vor der Stille nach all den Jahren habe er sich ein wenig gefürchtet, gesteht Manfred Löhe. Auch davor, abstinent bleiben zu können, ohne dass stets jemand in der Nähe ist. Doch er hat all das bislang gut gemeistert. Er sei jetzt endlich »sein eigener Herr, Schlüssel in die Tür und gut«, freut er sich. Wer bei ihm zu Kaffee und Kuchen am Tisch sitzt, bestimmt er ab sofort ganz alleine, wann und wie oft Kumpel Christian zum Zocken an der Playstation vorbeikommt, ebenfalls. Die Nachbarschaft im Haus ist auch prima, hat er bereits festgestellt. »Einer springt hier für den anderen ein, das finde ich gut.«

Auch für Annette Streit hat sich etwas verändert. Es sei bei Weitem nicht das erste Mal, dass sie einen Menschen aus dem Wohnheim ins Betreute Wohnen begleitet, sagt sie. »Ich freue mich für jeden, der es geschafft hat.« In der Regel sei die nachfolgende Betreuung allerdings auf zwei oder drei Monate beschränkt. Zum ersten Mal wird sie nun auf Dauer dabeibleiben. »Im Moment sehen wir uns oder telefonieren noch jeden Tag. Aber das soll weniger werden, das ist der Plan«, betont sie. Manfred Löhe, der schon so vieles geschafft hat, sieht das genauso.