Grippeschutz in Coronazeiten

Jedes Jahr im Herbst können sich Mitarbeitende der Graf Recke Stiftung kostenlos gegen Grippe impfen lassen. Jetzt ist es wieder so weit. Warum die Impfung gerade in Coronazeiten sinnvoll ist und was man sonst noch so fürs Immunsystem tun kann, erklärt Betriebsärztin Dr. Monika Tillmann im Interview.

Das Coronavirus und seine Folgen sind derzeit das beherrschende Thema. Haben Sie Sorge, dass der Schutz vor der Grippe dabei im Bewusstsein der Bevölkerung ein wenig untergehen könnte?

Dr. Monika Tillmann: Das glaube ich eher nicht. Das Influenza-Virus, also die Grippe, begleitet uns ja schon seit vielen Jahren und war dadurch immer wieder ein Thema. Durch die ständige Auseinandersetzung mit dem neuen COVID-19-Virus sind die Menschen nun grundsätzlich besser aufgeklärt, was Virusinfektionen anbetrifft. Ich könnte mir daher vorstellen, dass die Grippe bei vielen Menschen sogar präsenter ist, als noch vor Corona.

Die Graf Recke Stiftung bietet ihren Mitarbeitenden, wie in den Vorjahren, eine kostenlose Grippeschutz-Impfung an. Warum ist diese nach wie vor von Bedeutung?

Alleine schon deshalb, um die Kliniken und das ohnehin bereits durch Corona geforderte Personal vor einer zusätzlichen Belastung durch schwer an Grippe Erkrankte zu bewahren. Es ist auch nicht immer ganz leicht, die einfache Erkältung, die echte Grippe und Corona voneinander zu unterscheiden. Hat jemand heftige Symptome, ist aber geimpft, kann man die Grippe in der Regel schon mal ausschließen. Deshalb wäre es wichtig, so viele Menschen wie möglich gegen Grippe zu impfen, dann hätten wird dieses Thema schon mal weitgehend vom Tisch. Und das Immunsystem kann dann die eingesparten Ressourcen viel besser gegen eine mögliche Coronainfektion einsetzten.

Dr. Monika Tillmann

von AMEDIPREVENT, dem betriebsärztlichen Dienst der Graf Recke Stiftung.

"... dann wird's problematisch"

Wäre es denn denkbar, sich zeitgleich mit Corona und Influenza zu infizieren? Und was würde das für den Körper bedeuten?

Das ist grundsätzlich möglich. Und wenn ich mit beiden Viren zu kämpfen habe, wird’s problematisch. Mehrfachinfektionen fordern das Immunsystem besonders stark und können zu noch schwereren Komplikationen führen. Wir wissen allerdings nie genau, wann die Grippewelle kommt. Das kann Ende des Jahres sein oder im Frühjahr. In jedem Fall sind dann zwei Viruserkrankungen unterwegs, die uns und unseren Körper herausfordern. Auch deshalb ist es sinnvoll, jetzt im Herbst die Schutzimpfung in Anspruch zu nehmen, damit ich zumindest gegen das eine geschützt bin und eine mögliche Doppelinfektion vermieden wird. Dies ist zwar nicht zu hundert Prozent gesichert. Aber sollte ich, was selten passiert, dennoch an Grippe erkranken, nimmt die Krankheit einen weitaus milderen Verlauf.

Welchen Personengruppen würden Sie die Schutzimpfung besonders ans Herz legen?

Generell Menschen über 60 und mit chronischen Grunderkrankungen, dazu all denjenigen die im Gesundheitswesen arbeiten oder regelmäßig Kontakt haben mit Kranken, Älteren oder Kindern haben. Auch für Schwangere ist eine Impfung anzuraten, allerdings erst ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Grundsätzlich sollten sich aber am besten alle impfen lassen, da sie bereits ansteckend sein können, ein bis zwei Tage bevor die ersten Grippesymptome auftreten. Bin ich geimpft, vermeide ich damit, dass ich das Virus in die genannten Risikogruppen trage. Wer gegen Grippe geimpft ist, schützt also nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

Um eine COVID-19-Infektion zu verhindern, gelten ja im Moment besondere Maßnahmen. Werden durch Mund-Nasen-Schutz, Abstands- und Hygieneregeln nicht auch viele vor der saisonalen Grippe bewahrt werden?

Davon ist in der Tat auszugehen. Ich kann Ihnen dazu aber keine Studien nennen, weil es ja noch keine Daten gibt. Man spürt die Auswirkungen der so genannten AHA-Regeln – also Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmasken tragen – aber bereits an den zurückgehenden Zahlen bei anderen Infektions-Erkrankungen, etwa dem Norovirus, das ab dem Spätsommer weit weniger als sonst in den Krankenhäusern aufgetreten ist.

Man spürt die Auswirkungen der so genannten AHA-Regeln.

Dr. Monika Tillmann

Es kann also durchaus sein, dass auch die Grippezahlen dieses Mal nicht so hoch ausfallen. Das hängt jedoch auch vom Impfstoff ab: In jedem Jahr stimmt eine Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation WHO diesen auf die vier aktuell am meisten kursierenden Virenstämme ab und hofft, dass genau diese dann saisonal auch auftreten. Eine Gewissheit ist das aber nicht.

Gibt es Personengruppen, denen sie von einer Impfung abraten?

Wer aktuell Fieber hat oder ein Antibiotikum nimmt, sollte mit der Impfung besser noch warten. Es ist durchaus sinnvoll, sich auch im Januar oder sogar im Februar noch impfen zu lassen. Das hilft dann auch fürs nächste Jahr. Denn je mehr Schutzimpfungen ich während meines Lebens erhalten habe, desto trainierter ist mein Immunsystem, umso größer und schneller kann in der Folge auch meine Immunantwort ausfallen.

Auch gurgeln hilft

Gibt es darüber hinaus von Ihrer Seite aus Empfehlungen, um möglichst gesund durch den kommenden Winter zu kommen?

Grundsätzlich gut fürs Immunsystem ist eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Dazu ausreichend Bewegung an der frischen Luft, am besten bei Tageslicht. Das ist gut für den Vitamin D-Spiegel, der bei vielen Menschen zu niedrig ist, weil wir zu viel Zeit drinnen verbringen. Und speziell wegen Corona: Forscher der Universität Bochum haben vor kurzem im Laborversuch nachgewiesen, dass eine handelsübliche Mundspülung eine mögliche Viruslast deutlich senken kann. Drei Mal täglich 30 Sekunden lang gurgeln kann ich deshalb jedem nur empfehlen.

(Die Fragen stellte Achim Graf.)

Mehr zum Thema


Die Graf Recke Stiftung informiert laufend über die Coronalage auf ihren Extraseiten:
Mehr erfahren