Bewegung tut gut – über den Sportplatz hinaus

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Immer dienstags trifft sich seit April wieder die offene Bewegungsgruppe der Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik in Düsseldorf-Bilk. Gemeinsam mit den Sozialarbeitern Jörg Brendjes und Enrico Dombrowski spielen insbesondere Menschen mit einer psychischen Erkrankung gemeinsam Tischtennis, Basketball, Boccia oder Fußball. Aber auch alle anderen sind willkommen. Die Aktivität kommt der körperlichen wie der mentalen Gesundheit zugute – und wirkt bestenfalls über den Sportplatz hinaus.

In der Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik ist seit Mitte April wieder einiges in Bewegung. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Denn die beiden Assistenten für soziale Teilhabe, Jörg Brendjes und Enrico Dombrowski, starteten zum Frühjahr mit der offenen Bewegungsgruppe in Düsseldorf-Bilk. Es ist die Neuauflage eines 2022 ins Leben gerufenen Angebots für Menschen mit psychischen Erkrankungen aus den Besonderen Wohnformen der Eingliederungshilfe und dem Betreuten Wohnen im Sozialraum West. Eingeladen sind jedoch Leistungsberechtigte aus ganz Düsseldorf, zudem deren Angehörige und Freunde. Es seien alle willkommen, sagen die beiden Verantwortlichen.

„Wir wollen die Menschen reaktivieren“, umreißt Sozialarbeiter Jörg Brendjes, der die Gruppe im Vorjahr gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Jankau initiiert hatte, das grundsätzliche Ziel. Die meisten seien früher aktiv gewesen, viele in ihrer Jugend sogar im Sportverein. Das sei, bedingt auch durch die psychische Erkrankung, aber oft nicht weiterverfolgt worden. Das soll sich ändern. Enrico Dombrowski, seit November 2022 mit im Team, will dazu seinen Beitrag leisten. Bewegung, sagt er, sei nicht nur gesund für den Körper. Hinzu käme eine psychische Komponente. „Wenn sie sehen, was sie im Sport alles schaffen, entsteht eine Selbstwirksamkeit darüber hinaus“, meint der Sozialarbeiter.

Ort der Begegnung

Und so trifft man sich nun, wenn das Wetter mitspielt, bis zum Winter immer dienstags um 16.30 Uhr auf dem Sportgelände hinter den Düsseldorfer Arcaden an der Friedrichstraße. Basketball, Tischtennis, Boccia, Badminton, vieles ist hier möglich. An diesem Nachmittag aber steht Fußball im Mittelpunkt. Gemeinsam gehen Klienten und Assistenten auf Torejagd, hinzu gesellten sich spontan vier Jungen aus der Nachbarschaft. Das faszinierende sei, dass man jede Woche auf neue Menschen treffe, betont Jörg Brendjes den sozialen Aspekt. „Dieses Mal haben die Jungs uns gefragt, manchmal ist es andersrum.“ Damit, ergänzt Enrico Dombrowski, „schaffen wir mit dem Angebot auch einen Ort der Begegnung“.

Stephan Hoffmann, der gerade noch im Tor stand, genießt das sehr. „Für mich ist das eine schöne Abwechslung im Alltag“, meint der Klient aus dem Betreuten Wohnen. Die Bewegung und die Konzentration aufs Spiel empfinde er als sehr wohltuend. „Für den Kopf. Und für den Körper sowieso.“ Der 54-Jährige war schon im vergangenen Jahr dabei, und für ihn daher klar, dass er in diesem Jahr wieder mitmacht. Er wohne mitten in der Stadt, erzählt er. Da sei es ansonsten schwierig, für sich eine Bewegungsform zu finden. „Auf Asphalt laufe ich nicht“, sagt er entschieden. Daher sei er dankbar über das Sportangebot.

Das ist wohltuend. Für den Kopf. Und für den Körper sowieso.

Stephan Hoffmann

Für Roland Bucher ist, neben der Bewegung, auch das Gemeinschaftsgefühl wichtig. Er werde durch die Gruppe „ein bisschen mitgerissen“, wie er bekennt. „Ich fühle mich fitter.“ Das mag auch daran liegen, dass der 58-Jährige beim Tischtennis-Angebot der Stiftung in Kooperation mit Borussia Düsseldorf ebenfalls regelmäßig teilnimmt. Dafür fahre er extra mit der Bahn nach Grafenberg, erzählt er. Am Dienstagnachmittag aber schieße er am liebsten Tore, was ihm heute nicht gelungen sei. Für ihn Anreiz genug, beim nächsten Mal auf dem Sportplatz an den Arcaden wieder dabei zu sein.

Dort wird er dann wohl erneut mit Lazer Büchter ein Team bilden. Für den 38-Jährigen ist, neben den genannten Vorteilen, auch seine Kondition ein wichtiges Thema. „Die paar Monate Pause im Winter habe ich gleich gemerkt“, berichtet er. Und daher sei er froh, dass die offene Bewegungsgruppe sich nun wieder trifft. Die körperliche Belastung, die Dopamin-Ausschüttung, die Sonne, all das tue ihm gut. „Ich fühle mich nach dem Sport mental besser“, sagt er. „Ich denke, dass das wohl jedem Menschen so geht.“

Jörg Brendjes und Enrico Dombrowski sehen das genauso. Und daher wählten sie für ihr Bewegungsangebot bewusst die Feierabendzeit, wenn viele aus den Werkstätten kommen oder der Ergotherapie. Aktuell habe man einen kleinen Männerüberschuss, räumt Brendjes ein. „Wir würden uns über mehr Sportlerinnen sehr freuen.“ Dabei sei es ganz egal, wie fit jemand sei. Auch wer nur ein, zwei Runden Tischtennis spielen wolle, sei gern gesehen. Genauso, wer sich eine ganze Stunde an der Platte verausgaben wolle, so wie die 65-Jährige Klientin, die nach ihrer heutigen Fitnesseinheit zufriedenen lächelnd am Spielfeldrand sitzt.

Sozialarbeiter schwitzen mit

Enrico Dombrowski fühlt sich Dienstagabends ebenfalls gut. Der Sozialarbeiter, der seit sechs Jahren privat eine inklusive Fußballmannschaft bei der Bergischen Diakonie begleitet, hat früher selbst viel Sport gemacht, Basketball, Fußball, Fitness. „Das kommt aber im Moment ein wenig zu kurz“, räumt er ein. Und so ist es für ihn keine Frage, dass er nun selbst gern ins Schwitzen gerät. „So kommt die Bewegung mir selbst zugute“, meint er. „Das ist doch perfekt, und man wird dafür auch noch bezahlt“, merkt sein Kollege mit einem Lachen an.

Auf Dauer angelegt ist das Projekt aber überraschenderweise nicht. „Das übergeordnete Ziel ist es, dass wir uns irgendwann zurückziehen und sich die Gruppe verselbstständigt“, verrät Jörg Brendjes. „Das wäre das Optimum“, bestätigt sein Kollege. Noch aber ist es nicht soweit, werden die Assistenten für soziale Teilhabe vor Ort geschätzt. „Sie sind ein bisschen Motivator“, spricht Stephan Hoffmann für die ganze Gruppe. Und die beiden machen offenbar einiges richtig. „Am Ende“, lobt er, „kommt immer was bei raus.“

Sozialpsychiatrischer Verbund

Im Sozialpsychiatrischen Verbund begleiten die Mitarbeitenden der Graf Recke Stiftung Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die Fachkräfte unterstützen die Leistungesberechtigten bei der Bewältigung ihres Alltags, ermutigen sie zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und begleiten sie auf dem Weg zu einem möglichst eigenständigen und selbstbestimmten Leben.

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